Obwohl die deutsche Fußball-Nationalelf für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung den Halbfinal-Einzug bei der WM in Südafrika verpasste, hinterließ die Auswahl einen starken Eindruck. Der Bundestrainer ging volles Risiko - und wurde belohnt.
Das Viertelfinale war schon lange abgepfiffen, da flossen in der deutschen Umkleidekabine noch immer Tränen. Auch später im Mannschaftshotel musste das Trainerteam psychologische Aufbauarbeit leisten. Spielmacher Wissam El Hamadi haderte gar bis vier Uhr morgens mit dem Schicksal: "Mein Gott, warum haben wir bloß verloren?"
Nach dem Aus der deutschen Elf in der K.-o.-Runde der WM für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung saßen Frust und Enttäuschung denkbar tief. Das Erwachen aus dem südafrikanischen Frühlingsmärchen verlief so unglücklich, dass fast in Vergessenheit geriet, dass die Geschichte letztlich doch ein glückliches Ende gefunden hatte. Der sechste Platz der übertraf nicht nur viele Erwartungen, er ist das Ergebnis einer überragenden Entwicklung.
Vor 15 Monaten übernahm Bundestrainer Jörg Dittwar die Mannschaft, verpasste ihr eine radikale Verjüngungskur. Mit knapp 24 Jahren Altersdurchschnitt ging das deutsche Team in diesem Jahr als eines der jüngsten an den Start. "Ich bin ein relativ großes Risiko eingegangen", gibt Dittwar zu, "doch diese Jungs sind lernfähig. Mit ihnen kann ich in eine schlagkräftige Truppe aufbauen."

Eine Ansicht, die im Vorfeld des Turniers nicht jeder teilte. "Was wollt ihr denn in Südafrika bei der Fußball-WM?", wurde der Bundestrainer manchmal belächelt. Der 8:1-Sieg im Auftaktspiel gegen die Türkei war deshalb mehr als nur eine Standortbestimmung. Er nahm den Kritikern deutlich den Wind aus den Segeln und zeigte, dass Deutschland international konkurrenzfähig ist.
Mit drei Siegen und drei Niederlagen in diesem Turnier liest sich die sportliche Bilanz der deutschen Mannschaft ausgeglichen. "Unser oberstes Ziel war der Einzug ins Viertelfinale, und das haben wir eindrucksvoll geschafft", zeigt sich Dittwar zufrieden. Noch positiver ist jedoch die Art und Weise, wie sich die deutsche Mannschaft präsentierte.
"Jeder ist für den anderen gelaufen und hat gekämpft. Wir haben nicht die besten Einzelspieler, aber als Team sind wir stark", lobte der Coach nach der Vorrunde. Doch ausgerechnet im Viertelfinale gegen Portugal war davon 45 Minuten lang nichts zu sehen. 0:3 lag die Dittwar-Truppe bereits zum Pausenpfiff zurück und kämpfte sich dennoch bis auf ein Tor an die Portugiesen heran. Zu spät fiel jedoch der Anschlusstreffer. Nach 90 Minuten musste sich die deutsche Nationalelf nach furioser Aufholjagd mit 2:3 geschlagen geben. Dittwar sagte in der Kabine nur: "Ihr habt unser Land würdig vertreten. Ich bin so stolz auf Euch."
Selbst in den anschließenden Platzierungsspielen blieb das Team konzentriert und eroberte den sechsten Platz. Im Fußballerjargon wird häufig davon gesprochen, dass sich "eine Mannschaft gefunden hat" - in diesem Fall mehr als eine Plattitüde. "Wir sind in Südafrika zusammengerückt. Fast wie eine Familie", berichtet Spielmacher Wissam El Hamadi. "Ich werde die Zeit mit den Leuten hier nie vergessen."
Der Bundestrainer ergänzt: "Manchmal vergesse ich, dass hier keine Profis am Werk sind, weil meine Mannschaft so gut trainiert. Aber in den vielen Gesprächen hier wurde uns als Trainerteam wieder bewusst, dass jeder auch privat ein Päckchen zu tragen hat." Die WM in Südafrika war für die deutsche Mannschaft aus sportlicher Sicht ein Erfolg. Menschlich war sie aber mindestens ebenso wertvoll.