Roulette in Las Vegas, zockende Banker an der Wall Street - in den USA wird gerne gewettet. Auch auf Sportergebnisse. Noch glauben die Amerikaner an die Integrität ihrer Idole. Doch ein Ex-Schiedsrichter sorgt für Aufregung.
Der "Union Pub" im Washingtoner Stadtteil Capitol Hill ist eine Sportsbar, wie man sie in den USA in jeder größeren Stadt findet. Es gibt Budweiser vom Fass und auf zehn verschiedenen Fernsehern laufen gleichzeitig American Football, Baseball und Basketball. Gelingt irgendwo ein Touchdown, Homerun oder Korbleger, geht ein Raunen durch die Menge. Sofort werden Zettel und Telefone gezückt. "Wie war noch mal die Quote?"
Sportwetten aller Art sind in den USA offiziell nur im Kasino-Staat Nevada erlaubt. An der Ostküste will der Staat Delaware Nevadas Monopol nun aufbrechen, doch die großen Profiligen stellen sich quer. Warum NFL, NBA und Co. gegen die Legalisierung des Wettgeschäfts sind, bleibt unklar. Denn gezockt wird ohnehin.
Pro Jahr setzen etwa 60 Millionen Amerikaner Geld auf den Ausgang von Sportereignissen, schätzt R.J. Bell, Betreiber der Webseite "pregame". Er ist so etwas wie Amerikas Wett-Experte und oft in US-Fernsehshows zu Gast. Etwa 50 Prozent des Geschäfts würden über so genannte "Barroom bookies" abgewickelt, also über Kneipenwirte, die unter der Hand Sportwetten anbieten, so Bell. Die andere Hälfte laufe über im Ausland registrierte Internetanbieter. In dieser rechtlichen Grauzone würden Unsummen umgesetzt.

Ein Ereignis vom Ausmaß des aktuellen europäischen Fußballskandals blieb dem amerikanischen Sport bisher erspart, doch weiß ist die Weste schon lange nicht mehr. Schon zu Al Capones Zeiten wurden einige Spieler der Chicago White Sox von umtriebigen Wettpaten bestochen. Ende der 80er verfilmt, ging der Baseball-Betrug als "Black Sox Skandal" in die Geschichte ein.
Auch in der jüngeren Vergangenheit gab es immer wieder Skandale, die an den Grundfesten des ur-amerikanischen Fair Play Gedankens rüttelten. So manipulierten zwischen 2003 und 2006 zockende Nachwuchssportler der Universität Toledo in Ohio gleich reihenweise Football- und Basketballspiele. Für den größten Sturm der Entrüstung sorgte aber vor zwei Jahren der NBA-Schiedsrichter Tim Donaghy. Der spielsüchtige Referee ließ sich auf Geschäfte mit zwielichtigen Figuren aus Philadelphias Mafia-Milieu ein und soll mitgeholfen haben, Spiele in Amerikas Profi-Basketballliga zu verschieben.
Inzwischen hat Donaghy eine 11-monatige Haftstrafe verbüßt. In diesem November hätte eigentlich sein Enthüllungsbuch erscheinen sollen, in dem der amerikanische Robert Hoyzer weitere dunkle Machenschaften in der NBA ans Licht bringen wollte. Doch der Verlag stoppte die Veröffentlichung in letzter Minute, wohl aus Angst vor Verleumdungsklagen.
Die amerikanischen Sportfans glauben derweil weiter fest an ihren Sport, auch im Washingtoner "Union Pub". Man könne sich einfach nicht vorstellen, dass Sportler gegen Geld Partien manipulieren und so ihre Karriere aufs Spiel setzen würden, so die lautstark vertretene Meinung am Tresen. Darauf ein Bier - und doch bleiben Zweifel.