Bundestrainer Joachim Löw ist von der Kontroll- und Disziplinar-Kommission der UEFA endgültig für ein Spiel gesperrt worden. Damit kann Löw am Donnerstag (20.45 Uhr) das DFB-Team im EM-Viertelfinale gegen Portugal nicht von der Bank aus betreuen.
"Es tut ihm weh", berichtete Teammanager Oliver Bierhoff über Löws Gemütszustand. Die Ein-Spiel-Sperre nach dem "Platzverweis" im Österreich-Spiel, welche die UEFA-Kommission nach stundenlangen Beratungen endgültig und unwiderruflich verhängte, soll eine Jetzt-erst-recht-Haltung auslösen: "Wir spielen für Deutschland und den Trainer", kündigte Mittelfeldspieler Clemens Fritz in Basel an. Für die Mannschaft sei die Sperre des DFB-Chefcoaches "schwer nachvollziehbar".
Bierhoff griff die Europäische Fußball-Union (UEFA) scharf an: "Für den Fußball ist diese Entscheidung eine schwere Niederlage. Wir Aktive können diese Entscheidung nicht nachvollziehen und haben absolut kein Verständnis dafür", kommentierte er die Sperre. Löw hielt sich mit Kritik zurück: "Ich muss die UEFA-Entscheidung zur Kenntnis nehmen und möchte sie nicht kommentieren", so der Bundestrainer in einer vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) übermittelten Erklärung.
Bei der Partie gegen Portugal muss Löw nun auf der Tribüne sitzen. Der Stadion-Innenraum und die Kabine sind für den 48-Jährigen tabu. Die Chance auf Einspruch besteht nicht. "Er hat niemanden beleidigt - das kommt auch im Schiedsrichter-Bericht klar zum Ausdruck", äußerte Bierhoff Unverständnis für die harte Entscheidung.
Die offizielle UEFA-Mitteilung traf am Nachmittag in der DFB-Zentrale in Frankfurt/Main ein. Parallel dazu bekam DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach die schlechte Botschaft vom UEFA-Amtskollegen David Taylor gegen 15.00 Uhr telefonisch übermittelt. Mit dem Urteil bestätigte die UEFA die Begründung für den "Platzverweis", der vom spanischen Schiedsrichter Mejuto Gonzalez wegen Verlassens der Coaching-Zone und ungebührenden Benehmens gegenüber Offiziellen ausgesprochen worden war.
Die Trainer dürfen sich bei Spielen nur in der sogenannten Coaching Zone aufhalten. Sie erstreckt sich einen Meter auf jeder Seite über die Breite der Ersatzspielerbank hinaus und bis einen Meter an die Seitenlinie heran. Zu jedem Zeitpunkt des Spiels darf nur eine Person in der Coaching Zone Anweisungen an die Spieler geben. In der Coaching Zone anwesenden Personen sind gehalten, sich "jederzeit korrekt" zu benehmen. Der 4. Offizielle wacht über die Einhaltung der Regeln.
"Joachim Löw wurde ohne Verwarnung gegen Österreich auf die Tribüne geschickt und war schon genug dadurch bestraft, dass er die zweite Halbzeit nicht auf der Trainerbank sitzen durfte", klagte Bierhoff und schloss an: "Ich bin jedoch optimistisch, dass die UEFA-Sperre für Löw unsere Mannschaft nur noch zusätzlich motiviert und wir die richtige Antwort auf dem Platz geben werden."

Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger setzt auf eine Trotzreaktion: "Ich bin ganz sicher, dass für die Mannschaft damit ein zusätzlicher Motivationsschub gegen Portugal verbunden sein wird und sie ihren Trainer im EM-Halbfinale wieder auf der Bank haben wollen", sagte der Verbandschef. "Ich teile die Enttäuschung der sportlichen Leitung unserer Nationalmannschaft in vollem Umfang und kann sehr wohl verstehen, dass sich unser Bundestrainer ungerecht behandelt fühlt." Als Mitglied der UEFA sei der DFB jedoch gehalten, "deren Disziplinarhoheit anzuerkennen und die Entscheidung letztlich zu akzeptieren".
Niersbach verteidigte weiterhin das Verhalten Löws, der beim 1:0-Erfolg über Österreich in der 41. Minute auf die Tribüne verbannt worden war. "Von der UEFA-Entscheidung bin ich sehr enttäuscht. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass kein Fehlverhalten des Bundestrainers vorlag. Doch wir müssen das Urteil respektieren. Im Viertelfinale ist das jetzt ein Handicap, mit dem die Mannschaft fertig werden muss", sagte er.
Bierhoff sprach "Greenhorn" Hans-Dieter Flick, der das Team nun im Spiel betreuen wird, das "hundertprozentige Vertrauen" aus. "Er hat schon als Cheftrainer gearbeitet in Hoffenheim", sagte der Manager. Aber da war der Dorfclub noch ein Drittligist. Löw darf bis zum Betreten des Stadions wenigstens das Feintuning übernehmen, wie Bierhoff hervorhob. "Die Einstellung und Vorbereitung der Spieler vor dem Spiel ist am wichtigsten."
Rückendeckung erhielt Löw überraschend vom Trainer des Gegners, Luiz Felipe Scolari: "Wenn ich die UEFA beeinflussen könnte, würde ich ihr sagen, sie sollte die Entscheidung zurücknehmen", sagte er zur Sperre des Bundestrainers für die Portugal-Partie. Zugleich kündigte Scolari an, mit der Anfangself aus den ersten beiden Gruppenspielen gegen die Türkei und Tschechien antreten zu wollen.
Neben Löw muss die DFB-Auswahl möglicherweise auch auf Mittelfeldspieler Torsten Frings (Rippenbruch) und auf Torjäger Lukas Podolski (Wadenverletzung) verzichten. Ein möglicher Einsatz der beiden soll sich erst kurz vor dem Spiel entscheiden. Auch deshalb sieht sich die DFB- Elf selber gegen die Portugiesen als "kleiner Außenseiter".